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Frigga Haug: Die 4-in-1-Perspektive – Rekapitulation eines Vortrags

Bereits am 7. Mai 2013 veranstaltete iL Tübingen, die hiesige Gruppe des bundesweiten Zusammenschlusses interventionistische Linke, einen Vortrag zur „4-in-1-Perspektive“ von und mit Frigga Haug (hier gibt es den Vortrag zum Nachhören). Die Veranstaltung stand auch im Zeichen der Mobilisierung zu Blockupy 2013.1 Wir wollen den Vortrag an dieser Stelle noch einmal rekapitulieren.

Da die „4-in-1-Perspektive“ den Anspruch hat, feministische wie kommunistische und radikal-demokratische Forderungen zusammenzubringen und weil einige von uns Blockupy-Erfahrung und/oder -Interesse mitbrachten, waren mehrere unser AktivistInnen dort. Was genau hinter der 4-in-1-Perspektive steckt, konnte sich zuvor niemand von uns vorstellen.

Mit dem Untertitel „Block crisis regime, occupy acitivity: Gegen die Verarmungs- und Privatisierungspolitik der EU – Eine andere gesellschaftliche Verteilung von Zeit erkämpfen“ warb die iL Tübingen für ihre Veranstaltung mit der bekannten marxistischen Feministin Frigga Haug. Gemeinsam mit lokalen Gewerkschafts-, Aktions- und Parteigruppen lud sie in die Neue Aula der Universität.

Die mittlerweile 77-jährige Berlinerin war in den 60ern beim SDS (Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband) aktiv, gibt die sozialistische Zeitschrift „Das Argument“ heraus und ist seit 1968 auch in verschiedenen feministischen Zusammenhängen aktiv. Dass sie sowohl das „Historisch-kritische Wörterbuch des Marximus“, wie auch das „Historisch-kritische Wörterbuch des Feminismus“ mitherausgibt, zeigt, dass sie sich mit dem Versuch der Überwindung der Grenzen dieser Ansätze beschäftigt.

Ihren Vortrag begann sie mit einer Interpretation des Marx-Zitates über den Menschen: „Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus.“ Während sie einerseits klarlegte, dass es sich um ein Missverständnis handelt, da Marx im Kontext mit „Zuhause“ die Utopie meint, welche nicht mit „Arbeit“ im heutigen Sinne einhergehen kann, teilt sie auch den feministischen Protest gegenüber der falsch verstandenen Parole, weil deren falsches Verständnis auf einen Arbeitsbegriff hindeutet, der jegliche Hausarbeit, Erziehungsarbeit und Beziehungsarbeit vollkommen ausblendet.
Als aktuelles Beispiel dieser Auffassung erwähnt sie einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), in dem drei Gruppen aufgezählt werden, die noch „beschäftigt“ werden müssten, um die Vollbeschäftigung erreichen zu können: Alleinerziehende Frauen, Frauen mit Kindern bis zu drei Jahren (auch mit PartnerIn) und Frauen zwischen 51 und 64. Es handelt es sich um kein Missverständnis, dass der Autor des FAZ-Artikels gerade die am meisten mit Arbeit belasteten Personengruppen als „arbeitslos“ ansieht.

Da Haug in der einfachen Erweiterung des Arbeitsbegriffs keine Lösung sieht – die vorübergehende feministische Strategie, die sich in der Parole „Bezahlung von Hausarbeit“ niederschlägt, führe nämlich zu einer vollendeten Monetarisierung des Privatlebens und wäre nicht umsonst sogar von der CDU aufgegriffen worden – , suchte sie andere Wege.2 In der 4-in-1-Perspektive versucht sie feministische wie auch marxistische Forderungen zusammenzubringen und daraus eine Perspektive zu konstruieren, unter der Fatima- und Otto-Normal-Mensch sich etwas vorstellen kann.
Aus der ArbeiterInnen-Bewegung nimmt sie die Forderung nach einer radikalen Arbeitszeitverkürzung zu täglich vier Stunden Lohn- oder Produktionsarbeit, wobei sie betont, dass vier Stunden am Tag eigentlich zu viel seien und eine sozialistische Gesellschaft mit weitaus weniger auskommen würde. Als Forderung aus der Frauenbewegung nimmt sie als zweites aber auch den Anspruch von vier Stunden Reproduktionsarbeit für jede und jeden (!) auf. Bisher wird diese Arbeit immernoch großteilig nur von Frauen geleistet, meistens ohne jede Anerkennung und häufig bei zusätzlicher Belastung durch den dazukommenden Zwang zur Lohnarbeit. Da „Reproduktionsarbeit“ aber einen Begriff aus der Perspektive des Kapitals darstellt, vermeidet sie ihn, schließlich ist die Reproduktion von Arbeitskraft gemeint, also sowohl das Entspannen der/des ArbeiterIn um für den nächsten Arbeitstag fit zu sein, als auch das Aufziehen von Kindern als die Arbeitskräfte der Zukunft. Stattdessen spricht sie lieber von „Lieben, Hegen, Pflegen“, wo sonst von Reproduktionsarbeit gesprochen wird und betont, dass Arbeit die heute in der Form von Lohnarbeit geleistet wird, z.B. Krankenpflege, eher in die erste Kategorie von Lohnarbeit gehört, weil sie entsprechend mit Stress und Entfremdung verbunden ist.
Als drittes nimmt sie eine demokratische Forderung mit auf, wobei allerdings nicht der „Demokratie“-Begriff gemeint ist, der durch den Missbrauch durch parlamentarisch-kapitalistische Regimes der EU und USA geprägt ist. Diese real existierenden Demokratien haben mit wirklicher Demokratie ähnlich wenig zu tun, wie der real existierende Sozialismus der UdSSR mit wirklichem Sozialismus, weshalb manche lieber von Basis-Demokratie, Radikaldemokratie, Rätedemokratie oder Anarchismus sprechen. Haug fordert nämlich vier Stunden „Politarbeit“ täglich für alle, was sie als notwendig bezeichnet, damit sich ein System selbst „demokratisch“ nennen kann. Wenn zu Polit-Arbeit gehört, sich vernünftig über die Welt zu informieren, wird klar, wie recht sie hat. Schließlich haben selbst im antiken Griechenland die Bürger*3 mehr demokratische Rechte gehabt und mehr mitbestimmen können, als es heutzutage in modernen „Demokratien“ der Fall ist. Denn dort wurden damals Entscheidungen unter allen Bürgern* der Stadt getroffen, weshalb diese teilweise in riesigen Stadien diskutiert wurden.

Als letzte der vier Forderungen plädiert Haug für vier Stunden Muße, Selbstverwirklichung und Kreativität am Tag. Dazu kann das Lernen von Instrumenten, Sprachen, künstlerische oder kulturelle Projekte, Spiel, Spaß und jede andere Form von Selbstentfaltung gehören. Im Gegensatz zu den drei anderen Forderungen ist diese offenbar nicht einer einzelnen Bewegung zuzuorden, jedoch ein wichtiges Element der Mensch-Werdung, welches zur Zeit breiten Bevölkerunggruppen vorenthalten wird.
Aus der Sicht einesR Einzelnen könnte so jeder Tag (oder Wochentag?) 16 Stunden dieser je vier Wachtätigkeiten umfassen, womit die restlichen acht Stunden Zeit zum Schlafen übrig wären.
Natürlich ist das keine konkrete Forderung, die genau so eingefordert werden kann, und schon gar keine individuelle Forderung, die von einzelnen so umgesetzt werden soll. Vielmehr handelt es sich um eine Art „Richtungsforderung“ (siehe dazu den Artikel in der arranca!) die mehrere Bewegungen zusammenbringen könnte und ihren Einzelforderungen eine gemeinsame Basis verleihen würde. Also als ein mittelfernes Ziel, ein Stück Utopie, auf das aber konkrete Kämpfe eingehen können, um Stück für Stück Befreiung zu erreichen.

Den zweiten Teil ihres Vortrags widmete Frigga Haug dem „Herrschaftsknoten“. Dieses Bild soll verdeutlichen, dass die verschiedenen Herrschaftsstränge nicht hierarchisch angeordnet seien, sondern miteinander „verknotet“ sind. Damit widerspricht Haug der gängigen (aber falschen4) Interpretation der Haupt-Nebenwiderspruchsthese, in der der Widerspruch „Arbeit-Kapital“ der einzige zentrale sei und eventuelle weitere Widersprüche hierarchisch gegliedert nachfolgen würden. Herrschaft sei vielmehr ein Knoten aus mehreren vielfältigen Herrschaftsstrukturen, die gerade durch ihren gegenseitigen Zusammenhalt der Herrschaft die unerfreuliche Stabilität verleihe. Das Bild des Knotens ermöglicht weiter anzudeuten, wie diese Herrschaft auflösbar sei: es muss an den verschiedenen Herrschaftsideologien gleichzeitig gezogen werden, denn das Ziehen an nur einem Strang verfestige den Knoten nur.
Also, konkret gesprochen, wenn nur gegen Sexismus oder nur gegen Kapitalismus gekämpft würde, könnte sich der Herrschaftsknoten dadurch sogar verfestigen. Ein Kampf gegen alle diese Herrschaftsformen gleichzeitig sei daher notwendig.
An dieser Stelle scheint Haug aber selbst wieder vier Widersprüche gewählt zu haben, wobei andere unter den Tisch fallen. Eine Frage aus dem Publikum zielte in diese Richtung: Wo denn bei dieser Überlegung der „Trikont“5 bleibe. Haug scheint diesbezüglich eine modernere Auffassung zu haben. Den Menschen im „Trikont“ würde das Konzept ebenso vorgestellt wie allen anderen und sie hätte viele positive Rückmeldungen dazu auch von dort bekommen.

Eine antispeziesistische Betrachtung

Nun folgt natürlich die Frage, wie wir AntispeziesistInnen und TierbefreiungsaktivistInnen diesen Vortrag bewerten. Zunächst können wir uns ähnlich wie die Nachfrage um die Bewegungen des globalen Südens darüber beklagen, dass die Idee der Tierbefreiung, sowie alle Bewegungen um Ökologie in diesem Konzept einen nur sehr marginalen Platz einnehmen. Aus dem Vortrag kann herausgehört werden, es gehe beim „Lieben, Hegen, Pflegen“ es um die „Reproduktion“ von Mensch und Natur, hier wurde also der Widerspruch Geist-Natur, der oft Kennzeichen speziesistischer Ideologie ist, implizit genannt.6 An dieser Stelle würden wir aber hervorheben, dass es nicht um den Stolz einer Einzelbewegung gehen darf, im Mittelteil genannt zu werden, sondern eher betonen, dass die praktischen Folgen dieser Forderung eine der direktesten Wege zur gesamtgesellschaftlichen Tierbefreiung darstellt, da alle vier Bereiche indirekt zur Tierbefreiung beitragen:
1. Wenn die Ausbeutung der Menschen bekämpft wird, liegt die Bekämpfung der Ausbeutung der nichtmenschlichen Tiere7 nahe. Eine radikale Arbeitszeitverkürzung, die nur über die Aufhebung der kapitalistischen Wirtschaft möglich ist, bringt voraussichtlich auch die kapitalistische Ausbeutung der Tiere ins Wanken.
2. Wenn „Lieben, Hegen und Pflegen“ Teil des Lebens eines jeden Menschen wird, ist die massenhafte Haltung und Tötung von Tieren unwahrscheinlicher, da regelmäßig praktiziertes Einfühlungsvermögen die Menschen prägt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dieses auch auf andere Tiere anzuwenden. Nicht ohne Grund leben Frauen doppelt so häufig vegetarisch als Männer, sind sie doch die, die in dieser Gesellschaft früh auf die unbezahlten Pflegearbeiten in der Familie vorbereitet werden, während Männern früh Empathielosigkeit und Härte (z.B. als „coolness“) als „männliche“ Werte suggeriert wirden.
3. Die Zeit für politische (Selbst-)Bildung und politische Mitbestimmung ermöglicht auch viel größere Verbreitung der Tierbefreiungsidee. Verdeckte Missstände, wie die „Nutztier“-Haltung und -Schlachtung, könnten nicht mehr so leicht der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Erst wenn Entscheidungen auch gemeinsam getroffen werden, können die Menschen Verantwortung für ihre Mitmenschen, Tiere und die Umwelt übernehmen. Wie das heutige parlamentarische Regime funktioniert, wird am Beispiel der Grünen deutlich: Eine Partei wird nur dann für regierungsfähig empfunden und von der Presse entsprechend behandelt, wenn sie fast allen ihren Idealen abschwört. Einmal an der Macht, sorgen dann Lobbygruppen und Korruption dafür, dass kaum was aus dem Wahlprogramm oder dem Koalitionsvertrag übrig bleibt: Auslandseinsätze, Harz IV, Stuttgart21, die Affenversuche in Tübingen…
4. Letztlich gibt auch die Zeit der Muße dem Menschen die Möglichkeit sich über alles mehr Gedanken zu machen und eine – heute sehr seltene – Ausgeglichenheit zu erreichen; das sind zwei Faktoren, die dem Töten und dem Töten-Lassen (auch) von Tieren entgegenstehen. Die ständige Arbeitsüberlastung des Großteils der Bevölkerung begünstigt dessen gewaltvollen Konsum, der sowohl dem eigenen Geist und Körper schadet, als auch die unter schlechten Bedingungen Produzierenden, die Tieren und die Umwelt mehr oder minder zu Grunde richtet.

Die Idee, dass alle Kämpfe zugleich geführt werden müssen, scheint uns in keinster Weise neu zu sein. Bereits in dem von uns organisierten Vortrag mit Andre Gamerschlag zu „Unity of Oppression“ und „Intersektionalität“ im Oktober 2011 wurde von der langen Geschichte dieser Überlegungen, begonnen von den Black Feminists in den 70ern, erzählt. Die Überlegungen scheinen aber in die etablierte Linke, Linkspartei, Attac, Gewerkschaften, in denen Frigga Haug unterwegs ist, noch wenig Eingang gefunden zu haben. Deshalb ist es wohl wichtig diese Idee in diesem Umfeld zu verbreiten und das tut sie ganz elegant mithilfe vieler Zitate von Luxemburg, Bloch und Gramsci.
Im Gegensatz zu Gamerschlag scheint Haug dabei allerdings nicht den Verdacht nahe zu legen, jegliche Aktualität des Kapitalismus zu vernachlässigen und aus einer komplexen Verschachtelung von Herrschaftsformen eine bloße Aneinanderreihung zu unternehmen.
Leider müssen wir allerdings bei Frigga Haug auf die Anerkennung der Ausbeutung der Tiere leider ganz verzichten. Kein einziges Mal wurde Tierausbeutung im Vortrag explizit genannt. Dennoch ist in ihrem Prinzip, wie Kämpfe zusammengebracht werden, die Einbindung von Tierbefreiung möglich und für uns nur logisch und konsequent.

Auch das Bild des Herrschaftsknotens hat für uns etwas Neues und Erfrischendes: Die ‚Lösung des Knotens‘ macht das Zusammenspiel unserer Kämpfe nochmal etwas bildlicher. Wenn es um konkrete Ansätze ging, forderte Haug mehr die Kreativität der Aktiven, als dass sie selbst ausgeklügelte Konzepte anzubieten hatte. „Ihr seid doch in den Bewegungen aktiv; also überlegt ihr doch, wie das funktionieren könnte!“ war ihre Botschaft, sowie der Ansatz, „an allen Punkten gleichzeitig“ anzusetzen. An dieser Stelle hätten wir uns doch mehr Hinweise erhofft.

Tatsächlich ließe sich aber aus unserer Erfahrung als politisch aktive Gruppe einiges zum Problem des Herrschaftsknotens berichten. Das fängt immer dann an, wenn es darum geht alle Bewegungen im Blick zu haben, auch wenn es für die Effektivität einer Gruppe praktisch unabdingbar ist, konkret ein Thema in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen. So können wir unsere Bemühungen bei Infotagen und Demonstrationen zu Tierversuchen nennen, die regressiven Tendenzen, die es, wie in jeder auch in unserer Bewegung gibt, zu bekämpfen: gegen die sexistischen Werbeplakate für Tierrechte von Peta, Verhinderung von Holocaustvergleichen durch EinzelaktivistInnen und offensives Vorgehen gegen faschistische Forderungen wie „Stoppt Tierversuche, nehmt Kinderschänder!“.

Außerdem versuchen wir in unseren Texten und Überlegungen, verschiedene soziale und ökologische Kämpfe miteinander zu verbinden und so diesen „Herrschaftsknoten“ zu lösen: So die Verbindung von Tierversuchen und Militärforschung, die vielfältigen gemeinsamen Kämpfe des Feminismus mit dem Antispeziesismus, als auch unsere Versuche Antispeziesismus mit Antikapitalismus zu verbinden. TierrechtsaktivistInnen auf Blockupy Frankfurt mit den Flyern zu Krise und Tierausbeutung, wir auf der Demo zum Mössinger Generalstreik, unsere Redebeiträge und Broschüren zu den letzten Weltfrauentagen und nicht zuletzt das theorie.org-Buch Antispeziesismus sind Beispiele von Versuchen, den „Herrschaftsknoten“ zu lösen, bzw. den Kampf für allgemeine Befreiung vor Ausbeutung und für Selbstbestimmung weiterzuführen.

Über diese Anfänge von Theorie und Praxis sind wir aber noch nicht sehr weit hinaus gekommen. Noch ist Antispeziesismus in den anderen sozialen/ökologischen Bewegungen marginal, und noch sind antikapitalistische Ideen dem Großteil der Bevölkerung fremd. Eine Fortführung unserer Theoriearbeit bei gleichzeitiger Entwicklung von Perspektiven daraus sehen wir als unbedingt notwendig an. Der 4-in-1-Ansatz ist dazu ein guter Schritt in die richtige Richtung und eine Hilfe beim Versuch, sich mit anderen sozialen- und Umweltbewegungen zu einer revolutionären Kraft zu verbinden, ähnlich übrigens wie das Konzept der Commons (siehe den Artikel in der arranca!) oder der Sozialen Infrastruktur. Wie zu erwarten war, ist die 4-in-1-Perspektive für uns allerdings auch nicht mehr als ein Schritt.

  1. Infos zur Veranstaltung auf Homepage der iL-Tübingen: http://il-tue.mtmedia.org/veranstaltungen.
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  2. Zu dieser Diskussion ein interessanter Rückblick in der Zeitschrift „Grundrisse“: http://www.grundrisse.net/grundrisse37/Lohn_fuer_Hausarbeit.htm. [zurück]
  3. Wir schreiben „Bürger*“ um zu betonen dass dier Begriff des Bürgers nicht dem heutigen entspricht und Frauen, Sklaven und Nicht-Griechen ausgeschlossen waren. [zurück]
  4. „Trikont“ meint die drei kolonisierten Kontinente (Latein-)Amerika, Afrika und Asien, wenn die abwertende Bezeichnung „dritte Welt“ vermieden werden soll. Der Begriff ist nicht mehr sehr gebräuchlich, inzwischen wird eher „der globale Süden“ gesagt. [zurück]
  5. Zum Geist-Natur-Dualismus gibt es einen Vortrag von Susan Witt-Stahl unter http://vimeo.com/66107702. [zurück]
  6. Unserer Anschauung nach hierarchisiert die marxistische Basis-Überbau-Theorie nicht die Widersprüche. [zurück]
  7. Obwohl, wenn „Tiere“ gesagt wird, eigentlich „nichtmenschliche Tiere“ gemeint sind – schließlich sind Menschen ja auch Säugetiere –, bleiben wir aus Verständlichkeitsgründen beim in der Gesellschaft etablierten Begriff der „Tiere“. [zurück]
  8. Rein moralisch liegt die gleichwertige, aber aber einfach nebeneinanderliegende Aufzählung aller Herrschaftsformen nahe: Alle sind gleich wichtig und keinem „Opfer“ einer dieser Formen soll erzählt werden, ihr/sein Leid sei unwichtiger. Um aber Analysen und Strategien anfertigen zu können, müssen wir uns deutlich machen, dass die liberale Ideologie und die neoliberalen Akteure selbst ein Interesse daran haben, „Diskriminierungen aller Art“ zu bekämpfen und die Hierachisierung alleine auf Leistungs- und Eigentumsfragen zu verlagern. Deshalb versuchen auch staatlich geförderte Gleichstellungsbeauftragte wie Anti-Diskriminierungs-Ämter daran zu arbeiten, dass nur noch Kapital und Leistung zählt. Wenn Kapitalismus bekämpft werden will, müssen sich andere strategische Prämissen ergeben, als wenn nur die rein moralische Verurteilung das Ziel sein soll. Dafür wäre die bloße Aufeinandereihung ausreichend. Deshalb müssen wir als Linke und Antikapitalisten uns ein Stückweit auf Kapitalismus als dominante und dominanter werdende Herrschaftsform einstellen.[zurück]
  9. Quelle: taz vom 4.1.2014, http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2014%2F01%2F04%2Fa0154. [zurück]

Frauentag 2013: Gedenken an Louise Michel


„Alles, alles muß befreit werden, die Geschöpfe und die Welt, wer weiß, vielleicht die Welten? Wilde, die wir sind!“ – Louise Michel (1830-1905).

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Seit über 100 Jahren finden im März große Demonstrationen und Veranstaltungen für Frauenrechte statt. Nachdem der Tag in den USA erstmals 1908 ein Erfolg war, wurde er als weltweiter Aktionstag von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen vorgeschlagen.
Wir möchten in diesem Jahr den Tag dazu nutzen, der Feministin, Sozialistin, Anarchistin, Lehrerin und antikolonialen und revolutionären Kämpferin Louise Michel zu gedenken. Die Versailler Bevölkerung nannte sie „La Louve Rouge“, die Rote Wölfin. Louise Michel hat sich nicht nur über das Leid der Tiere politisiert, sie kämpfte auch bis an ihr Lebensende für die Befreiung von Mensch und Tier: Als Lehrerin, zur Verteidigung der Pariser Kommune mit dem Gewehr in der Hand hinter den Barrikaden, im Exil auf Neukaledonien für die Indigenen gegen die Kolonialisierung und den Eurozentrismus und schließlich in Frankreich und England als Agitatorin für die Revolution.

Louise Michel wird am 29. Mai 1830 als Tochter einer Dienstmagd und des Hausherren auf dem Schloss Broucourt im Nordosten Frankreichs geboren. Sie politisiert sich über das direkt erlebte Leid der armen Landbevölkerung sowie der Tiere. In ihren Memoiren (1886) schreibt sie: „Von der Zeit, da ich auf dem Land die Grausamkeiten gegen die Tiere erlebte und das entsetzliche Bild ihrer Lebensbedingungen erfaßte, stammt mein Mitleid für sie und dadurch mein Bewußtsein über die Verbrechen der Macht. So handeln die Führenden mit den Völkern!“ Seit sie das Köpfen einer Gans miterlebt, fällt es ihr schwer, Fleisch zu essen, und sie entwickelt Abscheu sowohl gegen das Schlachten, als auch gegen die Todesstrafe: „Einige Jahre später wurde in einem Nachbardorf ein Vatermörder hingerichtet; zu der Stunde, da er sterben wollte, mischte sich in mein Grauen vor der Todesqual des Mannes meine Erinnerung an die Todesqual der Gans.“
Das Leben auf dem Lande verhilft ihr auch zu ihrem Klassenstandpunkt, da sie die Armut der Bauern miterlebt. Später schreibt sie dazu: „Was die Reichen betrifft, so hatte ich für sie wenig Achtung; und da kam mir der Kommunismus in den Sinn. Die harte Feldarbeit sah ich so, wie sie ist: sie beugt den Menschen wie den Ochsen über die Furchen; das Schlachthaus steht für das Tier bereit, wenn es verbraucht ist; der Bettelsack für den Menschen, wenn er nicht mehr arbeiten kann“.
Michel macht eine Ausbildung zur Lehrerin. Als sie diese 1852 mit einem Eid auf den Staat beenden soll, weigert sie sich – denn Frankreich ist wieder eine Monarchie: Vier Jahre nachdem 1848 Frankreich zum zweiten Mal Republik geworden ist, hat sich Napoleon III. zum Kaiser krönen lassen. Michel ist seit 1867 bei den revolutionären Blanquisten aktiv und demonstriert in Paris gegen Napoleons Krieg gegen das Königreich Preußen – und wird von der Polizei niedergeknüppelt. Das Kaiserreich kollabiert 1870; die danach gebildete bürgerliche Regierung führt den Krieg fort und sieht sich gezwungen, die Bevölkerung von Paris gegen die Preußen mit Kanonen zu bewaffnen. Als 1871 Paris von preußischen Truppen belagert wird, schließt die konservative Zentralregierung Frieden mit Preußen, während Paris seine eigene kommunale Verwaltung wählt, die, unter Einfluss der Blanquisten und der teilweise anarchistisch beeinflussten Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation für eine Fortsetzung des Krieges zur Erhaltung ihrer Freiheiten stimmt. Die Tage der Kommune beginnen damit, dass die bürgerliche Regierung mit Sitz in Versailles der Pariser Bevölkerung die Kanonen wieder abnehmen möchte und dazu zwei Bataillone Soldaten schickt. Pariser Frauen stellen sich zwischen die Soldaten und die Kanonen. Als die Soldaten den Befehl zum Schießen bekommen, wenden sie sich gegen ihre Generäle und stellen sich auf die Seite der Bevölkerung von Paris. Die Pariser Kommune ergreift ihre Autonomie errichtet eine Rätedemokratie, die Anarchisten seither als Vorbild für Basisdemokratie gilt und für Marx und Engels ein Beispiel der Diktatur des Proletariats war. In Paris findet in den folgenden zwei Monaten eine unvergleichliche basisdemokratische und proletarische Revolution statt. Erstmals ergreifen die Arbeiterinnen und Arbeiter direkt die Macht und nehmen u.a. Enteignungen von Teilen des Bürgertums vor und führen die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein. Es entsteht auch die erste feministische Massenorganisation.


Der Kampf um die Kanonen.

In ihren feministischen Ansichten zieht Michel Verbindungen zur Ausbeutung der Tiere: „Die Engländer züchten Tierrassen für das Schlachthaus; die zivilisierten Menschen bereiten den jungen Mädchen das Schicksal vor, betrogen zu werden, um es ihnen dann als Verbrechen anzurechnen und dem Verführer fast als Ehre. Welch ein Skandal, wenn sich Eigensinnige in der Herde befinden! Wo kämen wir denn da hin, wenn sich die Lämmer nicht mehr schlachten lassen wollten? Es ist wahrscheinlich, daß man sie trotzdem schlachten würde, ob sie den Hals hinhalten oder nicht. Was soll’s! Es ist doch besser, ihn nicht hinzuhalten. Manchmal verwandeln sich die Lämmer in Löwinnen, in Tigerinnen oder Kraken. Recht so! Man hätte die Kaste der Frauen nicht von der Menschheit trennen sollen. Gibt es nicht Märkte, wo die schönen Töchter des Volkes auf der Straße ausgestellt und verkauft werden, und werden nicht die Töchter der Reichen für ihre Mitgift verkauft?“
Nach 71 Tagen wird die Pariser Kommune von der bürgerlichen Regierung, inzwischen im Bunde mit den preußischen Monarchisten, angegriffen und in der „Blutigen Maiwoche“ erstürmt. Louise Michel führt zusammen mit Elisabeth Dimitroff die bewaffneten Frauen von Paris an und verteidigt im 61. Bataillon von Montmartre mit vielen anderen Parisern in Barrikadenkämpfen die Stadt bis zuletzt. Doch die Regierungstruppen siegen; 30.000 Kommunardinnen und Kommunarden werden hingerichtet.


Die Verhaftung der Louise Michel (als Ölgemälde).

Vor Gericht steht Michel zu ihren Taten und verteidigt ihre Vision einer freien Gesellschaft: „Ich habe Paläste angezündet“, gesteht sie. Sie erwartet keine Gnade: „Ich habe getötet, es ist nur gerecht, daß man mich tötet.“ Doch über sie wird kein Todesurteil verhängt – wie 40.000 andere wird sie zu Festungshaft verurteilt, lebenslang. Nach zweieinhalb Jahren im Frauengefängnis wird sie mit vielen anderen nach Neukaledonien, einer zu Frankreich gehörenden Insel östlich von Australien, verbannt. Als im Jahr 1878 die dortige indigene Bevölkerung, die Kanak, unter Häuptling Atai gegen die französischen Kolonialherren revoltieren, stellt sich Michel – im Gegensatz zu vielen anderen verbannten Kommunarden – auf die Seite der Indigenen, mit denen sie bereits Kontakt geknüpft und deren Sprache sie erlernt hat: „Auch sie kämpfen für ihre Unabhängigkeit, für ihr Leben, für die Freiheit. Ich stehe auf ihrer Seite, wie ich auf der Seite des Volkes von Paris stand, das revoltierte, niedergemacht und besiegt wurde“, sagt sie, und, im Rückblick: „Ja, ich liebte sie und liebe sie, und die, die mir zur Zeit der Revolte vorwarfen, ich wünschte, daß sie sich ihre Freiheit erobern mögen, hatten recht. Die Eroberung ihrer Freiheit!“


Aufständische Kanak.

Nach einer Generalamnestie kehrt sie im Jahr 1880 nach Paris zurück, wird drei Jahre später aber schon wieder zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, da sie zur Plünderung von Bäckereien aufgerufen hat. Die Repression macht sie nicht zahmer: „Mein Mitleid für alles, was leidet, für das stumme Tier vielleicht noch mehr als für den Menschen, ging weit; meine Empörung über die sozialen Ungerechtigkeiten ging noch weiter; sie ist gewachsen, immer mehr gewachsen, durch den Kampf hindurch, durch das Gemetzel hindurch; ich habe sie wieder mitgebracht von jenseits des Ozeans, sie beherrscht meinen Schmerz und mein Leben.“ Als sie 1885 erneut begnadigt wird, versucht sie, dies zurückzuweisen. 1888 wird sie von einem Attentäter mit zwei Pistolenschüssen am Kopf verletzt; sie verzichtet auf eine Anzeige.


Das Attentat auf Louise Michel 1888.

Ihr Leben verschreibt sie nach wie vor der Revolution: „Als menschliche Insekten, die wir sind, nagen wir an denselben Abfällen und wälzen uns in demselben Staub, erst in der Revolution werden wir mit unseren Flügeln schlagen. Dann wird die Schmetterlingspuppe ihre Umwandlung hinter sich haben, alles wird für uns vorbei sein, und bessere Zeiten werden Freuden kennen, die wir nicht begreifen.“ – Louise hat keinen Zweifel: „Wenn unsere verfluchte Zeit abgelaufen ist, wird der Tag kommen, da der bewußte und freie Mensch weder Mensch noch Tier quälen wird. Diese Hoffnung ist es wert, durch das Grauen des Lebens hindurchzugehen.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Man hat mir oft vorgeworfen, daß ich mehr Sorge für die Tiere als für die Menschen empfinde: warum sollte man die Bestien bedauern, wenn die vernünftigen Wesen so unglücklich sind? Aber es hängt alles zusammen, von dem Vogel, dessen Nest man zertritt, bis zu den Nestern der Menschen, die der Krieg dezimiert. Das Tier krepiert vor Hunger in seinem Loch, der Mensch stirbt daran in fernen Gegenden. Und das Herz des Tieres ist wie das Menschenherz, sein Gehirn ist wie das des Menschen, nämlich fähig, zu fühlen und zu begreifen. Man mag noch so sehr darauf treten, die Wärme und der Funke darin erwachen immer wieder. Bis zur Blutrinne des Laboratoriums vermag das Tier Liebkosungen oder Grausamkeiten zu empfinden.“ In der befreiten Gesellschaft, wie sie sich sie vorstellt, gehören sowohl Tierversuche als auch die Fleischproduktion der Vergangenheit an. Hierbei hofft sie auf den Fortschritt der Wissenschaft: „Vielleicht wird die neue Menschheit statt des fauligen Fleisches, an das wir gewöhnt sind, chemische Verbindungen besitzen, die mehr Eisen und nahrhafte Grundstoffe enthalten als das Blut und das Fleisch, das wir verzehren. O ja, ich träume schon von der Zeit, da alle Brot haben werden, von der Zeit, da die Wissenschaft die Köchin der Menschheit sein wird.“
Sie hält aufstachelnde Vorträge vor der Kundgebung am 1. Mai 1890. Diesmal erfolgt Repression, indem sie für verrückt erklärt wird und in eine Nervenheilanstalt in Lyon eingeliefert wird. Die nächsten Jahre agitiert sie weiter in Frankreich und England; unter anderem hält sie 1904 einen Vortrag zu Feminismus in der Freimaurerloge La Philosophie Sociale. Als sie 1905 stirbt, kommen 120.000 Menschen zu ihrer Beerdigung.
Louise Michel war nicht nur eine große Feministin, Kämpferin, Revolutionärin, Sozialistin und Anarchistin. Für uns antispeziesistische Linke stellt sie eines der konsequentesten Beispiele des Kampfes gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Tier dar.

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An diesem 8. März 2013 wollen wir außerdem an eine Sozialistin und Freundin von Rosa Luxemburg erinnern, die an diesem Tag vor 140 Jahren in Berlin zur Welt kam: Mathilde Jacob. Sie schmuggelte für Luxemburg zahlreiche Briefe und politische Schriften aus dem Gefängnis. Ohne ihren Mut wären viele Schriften Luxemburgs heute verschollen. Als Jüdin wurde sie 1942 ins KZ Theresienstadt verschleppt und starb dort ein Jahr später.
Über das Verhältnis Rosa Luxemburgs zu Tieren, das vor allem in ihren Briefen aus dem Gefängnis Thema ist, haben wir im Jahr 2011 einen Text verfasst: Die Tiere Rosa Luxemburgs. Eine gekürzte Version dieses Textes ist auch in der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland unter dem Titel Leiderfahrung und Solidarität: Die Tiere Rosa Luxemburgs erschienen.

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Veranstaltungstipp: Freitag, 8. März, 19 Uhr, Kulturscheune Mössingen: Weltfrauentag trifft Generalstreiksfrauen.

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Quellen zu Louise Michel:

Louise Michel auf anarchismus.at.

Broschüre zur Pariser Kommune: Auf Krise.Kapitalismus.Kritik.

Michel, Louise: Memoiren. Aus dem Französischen von Claude Acinde. Zweite verbesserte Auflage, Münster 1979.

Kramer, Karin (Hrsg.): Louise Michel: Ihr Leben, ihr Kampf, ihre Ideen (Frauen in der Revolution, Band 1), Berlin 1976.

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Redebeitrag zum Frauenkampftag 2011

Der Redebeitrag, den die Antispeziesistische Aktion Tübingen bei der heutigen Demonstration Frauen, zurück auf die Barrikaden! halten wird:

Manche werden sich vielleicht fragen, warum die Antispe Tübingen hier einen Redebeitrag hält und einen einen Infostand veranstaltet. Schließlich sind Antispe-Gruppen als Tierrechts-/Tierbefreiungsgruppen bekannt. Mit diesem Beitrag wird jedoch deutlich werden, dass der Kampf für die Befreiung der Tiere nicht nur viel mit anderen Befreiungskämpfen gemeinsam hat, sondern dass diese Kämpfe zusammengedacht werden müssen. Wir zeigen auf, wie sexistische Ideologien mit speziesistischen Ideologien, also jenen Argumentationsmustern, mit denen die Ausbeutung der Tiere in unserer Gesellschaft gerechtfertigt wird, zusammenhängen und wie diese beiden Herrschaftsformen miteinander verflochten sind.
Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse werden von Menschen verinnerlicht als Ideologien, die sich oft tief ins gesellschaftliche Denken einprägen. Zur Rechtfertigung der Herrschaft der Männer über die Frauen wurden im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von „Fakten“ erfunden. So wurden Frauen mit geistiger wie physischer Schwäche, Passivität, Hilflosigkeit, Weichheit, Oberflächlichkeit und Naturnähe in Verbindung gebracht. Das Konstrukt „Mann“ hingegen wurde mit geistiger und physischer Stärke, Aktivität, Selbständigkeit, Härte, Tiefe und Nähe zur Kultur anstatt zur Natur verbunden.
Dieses patriarchale Denken durchzieht die Geschichte der westlichen Zivilisation. Aristoteles steckte noch ganz offen die Frau zusammen mit den „Barbaren“, den Sklaven und den Tieren in eine Kategorie. Dieser setzt er den griechischen Bürger entgegen, der geistig dazu fähig und damit verpflichtet ist, über erstere zu herrschen. Dieser Gedanke wird später meist subtiler ausgedrückt, bildet aber eine Konstante europäischen Denkens. Die Reduktion auf Naturhaftigkeit, Körper und Instinkt sowie die Unterstellung eines Mangels an Vernunft und Individualität, die im Falle der Tiere deren Versachlichung ermöglicht und die totale Herrschaft über ihre Körper sichert, gehört seit über zweitausend Jahren auch zum Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmuster gegenüber Frauen.
Die Teilung der Ideenwelt in zwei gegensätzliche Extrempole entwickelte sich von der Antike über das Mittelalter bis heute zur Basis westlichen Denkens und westlicher Wissenschaft. Die abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam –, die sich auf einen männlich-väterlichen, menschenähnlichen Gott berufen, bildeten dualistische Gegensatzpaare wie Gut/Böse, Gott/Satan usw., wobei das Widergöttliche stets mit tierlichen und weiblichen Attributen belegt wurde. So wird im Christentum der Teufel mit Hörnern und Pferdefuß dargestellt und im Neuen Testament auch schlicht als „das Tier“ bezeichnet; bereits in der Genesis ist es die Frau, die sich vom Teufel verführen lässt, und seit der europäischen Neuzeit führt die Wahnvorstellung, dass vornehmlich Frauen – oft auch sexuell – einen Bund mit dem Teufel eingehen, zu zehntausenden Hinrichtungen. Im berühmten „Hexenhammer“, ein Werk eines Dominikaners zur Legitimation der Hexenverfolgung, werden Frauen u.a. als eine „häusliche Gefahr“ und „ein Übel der Natur“ bezeichnet.
Im vom religiösen Denken geprägten und von Männern betriebenen wissenschaftlichen Diskurs der Moderne kamen Gegensatzpaare dazu wie Geist/Körper, Kultur/Natur, Vernunft/Trieb, Rational/Emotional und eben Mann/Frau, Mensch/Tier. Dabei machte sich der Mann immer zum Standard, zur Norm. Frauen wurden zum defizitären (also benachteiligten) und naturnahen Wesen erklärt. So schrieb beispielsweise der Psychiater Paul Julius Möbius 1907: „Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich (…). Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenschaften zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils (…). Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus (…). Wäre das Weib nicht körperlich und geistig schwach, wäre es nicht in der Regel durch die Umstände unschädlich gemacht, so wäre es höchst gefährlich.“
Die aktuelle Situation von Frauen erklärt sich aus dieser Geschichte. Die Rolle der Frau als Hausfrau etwa wurde lange Zeit als naturgegeben dargestellt. Noch der 1947 verstorbene Physiker Max Planck sah keinen Zweifel daran, „dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und Hausfrau vorgeschrieben hat, und dass Naturgesetze unter keinen Umständen ohne schwere Schädigungen (…) ignoriert werden können.“
Auch heute sind Alltagswissen und Wissenschaft noch stark patriarchal geprägt. Ansätze, die unter solchen Bedingungen entstanden sind, müssen hinterfragt werden. Die feministische Sozialistin Donna Haraway etwa kritisiert Theorieansätze, die als abgeschlossen gesehen werden und einen totalen Erklärungsanspruch haben, als „männlichen Allmachtsanspruch“.
Donna Haraway ist übrigens keine Antispeziesistin oder Tierrechtlerin, räumt aber ein, dass die Tierrechtsbewegung nicht auf der irrationalen Verleugnung der Einzigartigkeit des Menschen beruht, sondern, wie sie einmal schreibt, „auf der klarsichtigen Erkenntnis einer sehr realen Verbundenheit, die quer zu dem diskreditierten Bruch zwischen Natur und Kultur verläuft.“
Feministisch inspirierte Wissenschaft hat herausgearbeitet, dass die Mechanismen der „Konstruktion des Anderen“, also die Vorgehensweisen, wie Gruppen als „Andere“ konstruiert, vom „Eigenen“ abgespalten, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und so ihre Ausbeutung oder soziale Unterdrückung ideologisch legitimiert wird, sich von ihrer Struktur her gleichen. Donna Haraway schreibt hierzu: „Bestimmte Dualismen haben sich in der westlichen Tradition hartnäckig durchgehalten, sie waren systematischer Bestandteil der Logiken und Praktiken der Herrschaft über Frauen, farbige Menschen, Natur, ArbeiterInnen, Tiere – kurz, der Herrschaft über all jene, die als Andere konstituiert werden“.
Als naturnah oder tierähnlich stigmatisierte Menschen, wie bis ins 20. Jahrhundert hinein Schwarze, und Indigene heute noch, werden zu geborenen Sklaven gemacht oder gelten als rückständig. Letztlich folgte auch die Entmenschlichung der Bewohner jener Gebiete, die man(n) sich erschließen wollte, sei es als Kolonien oder als „Lebensraum im Osten“, dem Muster, „die Bewohner des annektierten Territoriums auf die Stufe eines höheren Affen hinabzudrücken, um dem Kolonialherrn die Rechtfertigung dafür zu geben, daß er sie wie Arbeitstiere behandelt“, wie Jean-Paul Sartre einmal schrieb. Der sog. „jüdisch-bolschewistische Untermensch“ war für Heinrich Himmler „nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen – geistig und seelisch jedoch tiefer stehend als jedes Tier.“ Auch der Vorwurf der Fortschrittsfeindlichkeit und Geschichtslosigkeit wurde im 19. und im 20. Jahrhundert auf das Judentum angewendet, welches ja seit tausenden Jahren scheinbar unverändert geblieben sei.
Heute drücken sich solche Ideologien zwar meist subtiler aus, sie sind aber nach wie vor wirkmächtig. So werden beispielsweise männlichen Menschen noch immer andere Werte vermittelt als weiblichen. Meistens werden diese dann als „sachlich“ bezeichnet, während die Einstellungen, die vermehrt Mädchen und Frauen vermittelt werden, als „emotional“ diskreditiert werden. Dazu gehört „Empathie“, Einfühlungsvermögen, welches Jungs und Männern eher aberzogen wird. So wird empathische Parteinahme für die Tiere häufig als „emotional“ verschrien. Dass ein solches Urteil zutiefst patriarchal geprägt ist, fällt dabei selten auf. Ähnliche Muster führen auch dazu, dass unsere Polit-Gruppen hauptsächlich aus Männern bestehen. Es muss nicht nur der Umgang innerhalb der Gruppe sein, es könnte auch an der theoretischen Ausrichtung der Gruppe liegen, wenn diese als männlich definierte Einstellungen vertritt. – Für Donna Haraway ist übrigens Empathie ein wichtiges Mittel, das Eingang auch in die Wissenschaft finden muss. Für uns ist jedenfalls klar, dass die feministische Theorie und die Erkenntnisse aus dem Kampf der Frauen uns wichtiges Handwerkszeug für den Kampf für eine befreite Gesellschaft in die Hand geben. Mehr noch: Feministische Forschung zeigt: Herrschaft in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen verwendet ähnliche Rechtfertigungsmuster, sie legitimierende Ideologien sind vielfach miteinander verflochten. Wenn wir für eine freiere und solidarischere Gesellschaft kämpfen wollen, müssen wir das berücksichtigen und unsere Kämpfe zusammendenken.
Die Demonstration am heutigen Tag ist einer von vielen möglichen Schritten dazu!

Hier gibt es den Redebeitrag als PDF.

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Das themenspezifische Info-Material über das Verbindende von Feminismus und Tierbefreiung, das auf dem Infostand des „Bündnis 8. März“ heute ab 15 Uhr auf dem Holzmarkt ausliegen wird, gibt es hier auch online.

Zu Donna Haraway gibt es einen Text der Tierrechts Aktion Nord: Wer spricht für den Jaguar? Donna Haraways antispeziesistischer Ausflug nach Anderswo.

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Bündnis 8. März: Aufruf „Heraus zum 100. Internationalen Frauentag“

Auf der sozialistischen Frauenkonferenz im August 1910 wurde beschlossen, „als einheitliche internationale Aktion einen alljährlichen Frauentag“, einen gemeinsamen Kampftag der Arbeiter_innenbewegung zu begehen. Unter dem Kampfruf „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ gingen am ersten Internationalen Frauentag, am 19. März 1911, alleine in Deutschland mehr als eine Million Frauen auf die Straße und forderten für alle Frauen soziale und politische Gleichberechtigung.
Auch heute sind diese Forderungen aktuell: Weltweit leben Frauen in patriarchalen Herrschaftsverhältnissen und sind mit Unterdrückung und Ausbeutung konfrontiert. Mehrheitlich Frauen und Mädchen sind Opfer von Armut und Gewalt, wobei laut WHO Statistik 2001 global Gewalt die Haupttodesursache für Frauen ist, noch vor Krebs, HIV und Herzinfarkt. In Deutschland verdienen sie im Falle von geregelten Arbeitsverhältnissen durchschnittlich 23% weniger als ihre männlichen Kollegen und sind überproportional häufig im Niedriglohnsektor beschäftigt.
Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist eine gesellschaftlich akzeptierte Tatsache, die in patriarchalen und heteronormativen Systemen zu dessen Aufrechterhaltung immer weiter reproduziert wird. Deshalb ist die Frage der Geschlechterverhältnisse nicht losgelöst von der grundsätzlichen hierarchischen Beschaffenheit der Gesellschaft zu denken, die in ausgrenzenden Kategorien wie Geschlecht, sexueller Orientierung, Ethnizität, Nationalität, Behinderung, Klasse und anderen funktioniert.
Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der die kapitalistische Ordnung überwunden ist und nicht der Profit im Mittelpunkt steht. Für eine Welt, in der Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen sowie Zweigeschlechtlichkeit und biologistische Zuschreibungsmechanismen der Vergangenheit angehören und in der Raum für verschiedenste Formen des Zusammenlebens ist.
Wir können aus den geführten Kämpfen lernen, indem wir die fortschrittlichen Debatten der Frauenbewegung von gestern und heute verknüpfen und solidarisch für eine andere Gesellschaftsordnung auf die Straße gehen!

Nieder mit dem Patriarchat! Zusammen kämpfen gegen Unterdrückung und Ausbeutung!

8. März 2011 – 100 Jahre Internationaler Frauentag
Kundgebung der Tübinger Frauengruppen ab 15 Uhr
Aktionen und Demonstration ab 17 Uhr
Treffpunkt: Holzmarkt, Tübingen

Abschlusskundgebung und VoKü auf dem Sternplatz

‚BÜNDNIS 8. MÄRZ‘, bestehend aus:
Marxistische Aktion Tübingen, Revolutionäre Aktion Stuttgart, Anarchistisches Netzwerk Tübingen, Antispeziesistische Aktion Tübingen, Arbeitskreis Internationalismus Stuttgart, Bildungsstreik Tübingen, Hausprojekt Lu 15, Libertäre Que(e)rulant*innen, Projektwerkstatt Stuttgart, Tübinger Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“, Wohnprojekt Hegel 7.




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