Wir sind eine Gruppe von Menschen aus der Tübinger Linken. Im Jahr 2007 schlossen wir uns mit dem Ziel zusammen, auf unser gemeinsames Anliegen aufmerksam zu machen: Dem Streben hin zu einer befreiten Gesellschaft. Schwerpunkt unserer politischen Arbeit bildet die Kritik am Speziesismus – das bedeutet, am materiellen Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und an jeder Ideologie, mit der dieses legitimiert wird. Wir wollen darauf hinwirken, dass die Solidarität mit Tieren integraler Bestandteil linker emanzipatorischer Programmatik und Praxis wird.

Beim Wort Speziesismus handelt es sich um einen Neologismus (aus Spezies und -ismus), der in Analogie zur Benennung anderer Ideologien zur Legitimation von Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung – wie Rassismus und Sexismus – gebildet wurde: Durch Speziesismus wird die Ausbeutung der Tiere in der menschlichen Gesellschaft ideologisch gerechtfertigt und verschleiert. Erstmals benutzt wurde das Wort 1970 von Richard D. Ryder in einem Flugblatt – damals, um einen anthropozentrischen Speziesegoismus oder -zentrismus, eine „Artenarroganz“ von Menschen zu beschreiben. „Speziesismus bezeichnet den gesamten Komplex von Vorurteilen gegenüber Tieren; er meint den menschlichen Chauvinismus, den hemmungslosen Artegoismus, die Gewaltideologie, die Tiere der Verdinglichung, Verachtung und grenzenlosen Ausbeutung ausliefern“ (Susann Witt-Stahl).

Eine antikapitalistische Bewegung, die Tierausbeutung nicht thematisiert, setzt nicht an der Wurzel an. Eine der Vorbedingungen des kapitalistischen Systems, die Bildung einer Masse von Besitzlosen, die kein Land, aus dem sie Ertrag ziehen können, und nichts zu verkaufen haben außer ihrer Arbeitskraft, stand mit dem Aufstieg der Tierindustrie in engem Zusammenhang. Tiere werden nicht „von Natur aus“ zu Privateigentum, ebenso wenig wie Menschen „von Natur aus“ ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Vielmehr haben wir es hier mit aktiver Geschichte zu tun – einer Geschichte von Enteignung, Ausbeutung und Widerstand.
Als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ benutzte Max Horkheimer in einem Text von 1934 die Metapher eines „Wolkenkratzers“, eines Hauses, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei: Ganz obenauf befänden sich die Magnaten der kapitalistischen Mächtegruppen, darunter die Massen der politischen Handlanger, Militärs, Angestellten und „Reste der selbständigen kleinen Existenzen“, dann die Arbeiter, und unter diesen die Erwerbslosen. Noch weiter darunter aber beginne erst „das eigentliche Fundament des Elends“, denn das gesamte Leben in den hochkapitalistischen Ländern sei ja getragen von dem Ausbeutungsapparat, der in den halb und ganz kolonialen Territorien, also im weitaus größten Teil der Erde, funktioniere. „Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis [Tagelöhner/Lastträger] der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiß, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.“ – Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen.

Die politische Tierbefreiungsbewegung kämpft gegen Tierausbeutung, ohne dabei die Befreiung der Menschen aus dem Auge zu verlieren; sie übt damit eine umfassende „Solidarität mit den quälbaren Körpern“ (Theodor W. Adorno). Antispeziesistische Praxis heißt für uns schlicht, darauf hinzuwirken, dass (Tier-)Ausbeutung beendet wird – und dass wir dafür einstehen, die Trennung der Kämpfe gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere und gegen die Unterwerfung von Menschen aufzubrechen. Daher wenden wir uns grundsätzlich gegen den Kapitalismus als das die Ausbeutung von Mensch und Tier perpetuierende System sowie gegen Rassismus und Sexismus, gegen Nationalismus, Altersdiskriminierung, Homophobie (Diskriminierung von Schwulen, Lesben und anderen sexuellen Orientierungen), Eurozentrismus – kurz, gegen jede Ideologie, die Ausbeutung, Unterdrückung und soziale Diskriminierung rechtfertigt.
Uns liegt es demnach fern, wie Teile der bürgerlichen Tierrechtsbewegung mit sexistischen Werbekampagnen, der Beteiligung am Kult um „Prominente“ oder holocaustrelativierenden Kampfbegriffen überzeugen zu wollen. Wir ziehen keinen Schulterschluss mit Personen, Gruppen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlichen tier-, menschen- oder lebensfeindlichen Ideologie vorgestellt ist. Im Gegenteil wollen wir rechte, faschistische und fundametalistisch-religiöse sowie andere menschenverachtende oder unterdrückerische Tendenzen in der Tierrechtsbewegung aufspüren, demaskieren und ihnen entgegenstehen! Wir lehnen sowohl Lobbypolitik als auch die Nutzung von Justizgewalt sowie die Unterstützung von kapitalistischen Konzernen und allem, was auf eine Fremdbestimmung von Menschen abzielt, ab.
Langfristig ist das Ziel der Tierbefreiungsbewegung als Teil der antikapitalistischen Linken, konkurrenzorientierte oder auf sozialen Schichten basierende Systeme zu überwinden. Das Ideal einer befreiten Gesellschaft ohne Ausbeutung, in der überhaupt erst die Möglichkeit der Bildung, Selbstbestimmung und Gleichheit für alle Menschen gegeben ist, beinhaltet für uns die Befreiung der Tiere. In der jetzigen Gesellschaft, in der diejenigen, welche Wert schaffen, nicht selbst über die Produktionsmittel verfügen, und somit gezwungen sind, ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen, haben nur wenige Bildungsstand, Zeit und Kraft, um sich mit der Ausbeutung anderer auseinanderzusetzen. Dies wollen wir ändern!

Wie wir arbeiten:

1. Selbstorganisation in Basisgruppen zum Kennenlernen, Vernetzen und Versorgen.

2. Einflussnahme auf die öffentliche Meinung, Aufbau von Druck auf die Akteure.

3. Direkte Aktionen und Tierbefreiungen, die wir unterstützen, aber als Gruppe, die sich durch Offenheit und Transparenz auszeichnet, nicht selbst durchführen.

Die vegane bzw. freegane Lebensweise – vegan heißt ohne Tierprodukte oder Tierversuche, freegan heißt höchstens mit solchen Produkten aus Supermarktabfällen, wobei keine Nachfrage erzeugt wird, Tierausbeutung also nicht in Auftrag gegeben oder finanziert wird – als Boykott von Ausbeutungsprodukten versuchen wir in ihren verschiedenen Formen der Gesellschaft zugänglich zu machen. Auf der persönlichen Ebene ist uns vor allem die politische Überzeugung wichtig, die individuelle Umsetzung (z.B. eine vegane Lebensweise) ist mehr eine persönliche Entscheidung. Wir sind eine bunte Gruppe von Menschen, die in der Akzeptanz ihrer Verschiedenheit gemeinsam Aktionen vorbereitet und umsetzt.

Für eine starke Bewegung zur Befreiung von Mensch und Tier!

Zum Weiterlesen:

Eine Auswahl unserer Texte.

Buch Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken.




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